This article in English: Noh Theater
Paul Binnie, ein Künstler aus Schottland und der Autor dieses Artikels, lebte mehr als 5 Jahre in Tokyo. Kabuki und das japanische Noh Theater wurden in dieser Zeit zu seiner Leidenschaft.
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Die Geschichte des japanische Theaters wäre vermutlich anders verlaufen, wenn nicht im Jahr 1375 zwei junge Burschen aus dem Kasuge Tempel bei Nara eine innige Freundschaft geschlossen hätten, die eine einzigartige neue Kunstform hervorrufen sollte.
Der ältere der beiden jungen Männer war Ashikaga Yoshimitsu, damals 17 Jahre alt und bereits der mächtige Shogun und Herrscher Japans. Er hatte eine frühe Form des Noh Theaters erlebt, die von Kanami Kiyotsugu und dessen zwölf Jahre altem Sohn Zeami Motokiyo aufgeführt worden war. Dank der Förderung durch Yoshimitsu konnte sich diese dramatische Theaterform zu dem stark verfeinerten Schauspiel entwickeln, das wir heute sehen können.
Die frühen Ursprünge des Noh Theaters waren zumeist volkstümliche Formen rustikaler Unterhaltung; Sarugaku, das mit Shinto Ritualen in Verbindung stand, Dengaku, eine Art Akrobatik mit Jonglieren, das sich später in eine Art von Gesang-und-Tanz Darbietung entwickelte, Tänze aus China und rerizitierende und gesungene Balladen, die aus der mündlichen Überlieferung des Volkes stammten.
Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts scheinen sich diese verschiedenen Quellen zu einem Theater zusammen gefunden zu haben, das heutige Zuschauer als Noh erkennen würden. Es lässt sich aber heute nur schwer sagen, wie diese frühen Darbietungen wirklich waren. Es gibt Schauspiele, die den Gelehrten nach von Kanami (1333-1385) stammen sollen. Aber sie wurden offensichtlich von dessen Sohn Zeami (1363-1443) deutlich verändert und keines der Stücke kann mit Sicherheit vor die Zeit von Kanami und Zeami datiert werden.
Zeami ist die bedeutendste Persönlichkeit des Noh. Er hatte eine grosse Zahl an Stücken für seine eigene Schauspielertruppe geschrieben. Viele davon werden noch bis heute aufgeführt. Im Jahr 1423 schrieb er ausserdem eine berühmte Abhandlung über die Fertigkeiten und Methoden, die ein Noh Schauspieler beherrschen sollte.
Dieses Dokument ist noch heute als Studienobjekt für junge Schauspieler gültig. Was Zeami, inspiriert von seinem Vater, schuf, war ein Theater der Muromachi Epoche (1336-1573). Es war in der Sprache der höheren Klassen des 14. Jahrhunderts geschrieben. Aber es hatte auch einen starken Bezug zu dem sogenannnten Goldenen Zeitalter der Heian Epoche (794-1185), indem auf Handlungen und Ereignisse und sogar auf die Dichtkunst dieser Zeit zurückgegriffen wurde.
Das Noh Theater so wie es heute existiert, blieb seit den Zeiten von Zeami nahezu unverändert. Während sich das Repertoire der gespielten Stücke von ursprünglich mehr als tausend in der Muromachi Epoche reduzierte, kamen aber dennoch neue Stücke hinzu. Eines davon, "Kusu no Tsuyu", aus dem 19. Jahrhundert, wird recht häufig gespielt.
Einer der Gründe dafür liegt in der Grösse und Schönheit der Stücke, wie man sie anderswo nicht findet. Das Wort yuugen wird oft im Zusammenhang mit Noh gebraucht. Es drückt das aus, was unter der Oberfläche liegt - Nobilität, reservierte Eleganz und klassische Schönheit. Besonders passt das Wort für mehrere Stücke über die Dichterin und grosse Schönheit Ono no Komachi aus der Heian Epoche.
Im Noh Theater gibt es auch eine Art von Abstraktion, die dem westlichen Theater um Jahrhunderte voraus war. Im Noh Schauspiel soll sich alles weniger auf die äusseren Formen konzentrieren, sondern vielmehr auf die Seele und das Wesentliche, das der Schauspieler versucht herauszustellen.
Einer der auffälligsten Aspekte des Noh ist die Tatsache, dass der shite, der Hauptdarsteller, so wie seine Mitspieler, die tsure, oft eine Maske trägt. Das ist immer dann der Fall, wenn die Hauptfigur ein alter oder ein junger Mann, oder eine Frau oder ein übernatürliches Wesen ist. Tsure begleiten den shite in bestimmten Stücken. Und wenn sie zu einer dieser Gruppen gehören, kommen sie maskiert auf die Bühne. Nur wenn die Hauptfigur erwachsen und männlich ist, dann trägt sie keine Maske.
Kokata, oder junge Schauspieler tragen nie Masken, noch die waki, die Nebenschauspieler, die zuerst auf der Bühne erscheinen und dort den Hauptdarsteller treffen.
Die Masken sind aus Holz geschnitzt, oft aus Zeder. Da es so viele Charaktere gibt, ist es schwierig den jweiligen Typ zu erkennen. Ein anderes, allgegenwärtiges Requisit ist der Fächer, der in einem so symbolischen Theater wie dem Noh alle Arten von Gegenständen repräsentieren kann - wie Flaschen, Schwerter, Pfeifen, Briefe, Spazierstöcke und vieles mehr.
Die Stücke werden auf einer Bühne gespielt, die nach 3 Seiten offen ist und auf einer Seite einen bemalten Hintergrund hat, der mit einer Kiefer geschmückt ist. Eine Art Gangway, hashigakari genannt, führt von einer Eingangstür im rechten Winkel zur Bühne. Entlang dem Hashigakari befinden sich 3 kleine Kiefernbäume. Diese kennzeichnen den Punkt, an dem der Schauspieler innehält um einige Verse von sich zu geben, bevor er sich auf die Hauptbühne begibt. Diese hat eine Grösse von ca. 6 x 6 Metern.
Entlang dem Bühnenhintergrund ist eine Reihe von Musikern aufgereiht. Ihre Instrumente sind die Flöte und verschiedene Trommeln. Die Musiker sind für diese seltsame, scheinbar aus einer anderen Welt kommende Musik zuständig, die sowohl die Tänze als auch die Rezitationen begleiten.
Wieder im rechten Winkel zur Bühnenrückwand befindet sich der Chor mit 8 bis 12 Sängern. Sie stellen sich in zwei Reihen auf. Ihre Aufgabe besteht in der Erzählung der Geschichte oder der Rezitation des Textes des Hauptdarstellers, wenn dieser gerade mit einer Tanzvorführung beschäftigt ist.
All diese Elemente tragen zu einem zusammenhängenden Ganzen bei. Und da es keine Bühnenlandschaft, nur wenige Requisiten und nur eine kleine Besetzung gibt, ist der Fantasie der Zuschauer breiter Raum gelassen.
Im allgemeinen sind Noh Schauspiele nicht sehr dramatisch. Sie sind jedoch schön, da die Texte voller poetischer Anspielungen sind und die Tänze, obwohl sehr langsam, extrem elegant wirken. Es ist gerade diese Schönheit, die das Noh Theater zu einer immer noch lebendigen Kunstform macht - und das mehr als 600 Jahre nach seiner Entwicklung.
Alle nachfolgenden Theaterformen haben Elemente des Noh übernommen. Das Kabuki Theater beispielsweise hat ganze Noh Stücke in seine Mundart übernommen. Auch etliche technische Errungenschaften wurden vom Noh Theater übernommen.
Das japanische Theater hat auch viele Entwicklungen des modernen Theaters vorweggenommen, wie zum Beispiel das Weglassen der Bühnendekoration, den symbolischen Gebrauch von Requisiten und das Erscheinen von Nicht-Schauspielern auf der Bühne.
Das Noh Theater spricht immer noch ein Publikum an, wie man an den langen Menschenschlangen sehen kann, die zu den Aufführungen im Nationalen Noh Theater und den anderen 5 Noh Theatern kommen. Es ist eine wahrlich zeitlose Kunstform, die die Zuschauer von heute genauso anspricht wie die Adeligen der Muromachi Epoche.
Paul Binnie (Juli 2001)
(Übersetzt, gekürzt und überarbeitet von Dieter Wanczura, zuletzt Juni 2009)
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