This article in English: Kabuki Theater
Paul Binnie, ein Künstler aus Schottland und der Autor dieses Artikels, lebte für mehr als 5 Jahre in Tokyo. Kabuki und Noh Theater wurden dort zu seiner großen Leidenschaft.
Es ist schon ironisch, dass Kabuki, eine ausschließlich männliche Domäne, ein Theater, in dem Frauen seit fast vier Jahrhunderten im Publikum aber nicht auf der Bühne zu finden sind, von einer Frau und ihrem weiblichen Ensemble gegründet wurde. Okuni, die vom Schrein von Izumo gekommen sein dürfte und somit Erfahrung mit Schamanenritualien und Noh Theater gehabt haben dürfte, errichtete im ausgetrockneten Bett des Flusses Mao in Kyoto im Jahr 1603 eine provisorische Bühne auf der sie mit Ihrer weiblichen Truppe Tänze und Parodien aufführte.
Das Wort Kabuki, das heute in drei Grundbegriffe aufgeteilt wird, "Lied", "Tanz", "Geschicklichkeit", leitet sich von einem jetzt überholten Adjektiv ab, das soviel wie exzentrisch, unkonventionell und ziemlich schockierend bedeutet - eine Eigenschaft, die mit Onna Kabuki in Verbindung gebracht wird, dem Kabuki der Frauen.
Das Tokugawa Shogunate, die militärische Diktatur Japans von 1603 bis 1868, missbilligte diese Höherstellung der Position der Frauen und verbannte im Jahre 1629 alle Frauen von der Bühne unter dem Vorwand der Unmoral und dem Hinweis, dass die Schauspielerinnen dem Publikum auch "ausserhalb der Bühne" zur Verfügung stünden.
Kabuki war jedoch in den vorhergehenden 26 Jahren so populär geworden, dass männliche Jugendliche die Rollen der Frauen übernahmen einschließlich des mehr "privaten" Teils außerhalb der Bühne. Das führte dazu, dass im Jahr 1652 dieses Wakashu Kabuki der männlichen Teenager ebenfalls verboten wurde. Von jetzt ab durften nur erwachsene Männer auf der Bühne auftreten, und dieses Yaro Kabuki wurde bis in die heutige Gegenwart fortgeführt.

Eine der wichtigsten Entwicklungen im japanischen Theater war das direkte Ergebnis dieser Verbannung der Frauen vom Theater. Männer mussten die Frauenrollen spielen und der Onnagata, der Spezialist für Frauenrollen war geboren. Onnagata entwickelten eine hoch stilisierte Form der Feminität mit Methoden kleiner zu erscheinen als sie sind und verfeinerten Bewegungen und einer typischen "falsetto" Stimme.
Während der Meiji Periode (1868-1912) hatte man den Vorschlag gemacht Frauen wieder auf der Bühne auftreten zu lassen. Aber man hat das dann doch nicht getan, da richtige Frauen zu "real" gewesen wären und die Kunst des Kabuki in der Künstlichkeit liegt.
Das Kabuki Theater basiert technisch auf Noh Bühnen, die seit dem 14.Jahrhundert existieren. Der erste auffällige Unterschied zu westlichen Bühnen ist der lange Laufsteg der durch das ganze Auditorium führt. Er nennt sich Hanamichi, was wörtlich der "Blumenweg" heisst. Dieser Laufsteg ist neben der Bühne selbst der wichtigste Platz.
Der Name soll sich von Geldgeschenken ableiten, auch Hana genannt, die den Schauspielern dort von ihren Fans gegeben wurden. An einer bestimmten Stelle des Hanamichi geben die Schauspieler ihre großen Monologe zum besten. Diese Stelle wird Shichisan, or 7-3 genannt, ein Punkt der sich 7/10 vom Eingang am Ende des Auditoriums und 3/10 von der Bühne entfernt befindet. Der Hanamichi wird auch für dramatische Abgänge benutzt und ein einzelner Schauspieler kann am Shichisan weiter verharren, während der Bühnenvorhang, genannt Joshikimaku zugezogen wird.
Die Drehbühne, genannt Mawari Butai, war in Japan bereits viel früher als im Westen entwickelt worden. Sie gestattet einen raschen Szenenwechsel ohne Unterbrechung in der Handlung.
Heutzutage sitzt das Publikum natürlich in Sitzen westlicher Art. Aber vor dem großen Kanto Erdbeben von 1923 saßen sie in Masu, viereckigen Boxen mit Kissen auf dem Boden für 5 Personen, so ähnlich wie es sie noch in den Sumo Stadien gibt. Ein Theater, das Kanamaru-za in Shikoku, verwendet die Masu Boxen noch. Dieses Theater ist noch komplett aus der Edo Zeit erhalten und vermittelt einen Eindruck wie andere Theater vor der Modernisierung und dem Wiederaufbau ausgesehen haben.
Kabuki Stücke können in drei Hauptkategorien aufgeteilt werden: Shosagoto, oder Tanzstücke, Jidaimono, historische Stücke and Sewamono, Stücke aus dem Leben des Volkes. Die Grundlage von Kabuki ist der Tanz. Ein Schauspieler muss sich einem intensiven Training in dieser Disziplin unterziehen, wenn er die Karriereleiter emporklettern möchte.
Jidaimono, die Historienstücke spielen zumeist in ferner Vergangenheit wie z.B. der Heian (794-1185) oder der Kamakura (1185-1336) Periode oder zur Zeit der Bürgerkriege zwischen den Clans der Heike und Genji im späten zwölften Jahrhundert. Die zeitliche Verlagerung in die Vergangenheit diente oft nur als Vorwand zur Umgehung der strengen Zensur - vor allem wenn es um das Shogunat und deren Repräsentanten ging. Die dargestellten Charakter in Jidaimono können Aristokraten sein wie Samurai, Lords, Prinzessinnen, Königinnen oder deren Statthalter und Vasallen. Oft gibt es dazu eine Art von Überheld, der das Drama dominiert.
Sewamono, die Stücke aus dem Leben des Volkes, wurden zum erstenmal um 1679 von Chikamatsu Monzaemon (1653-1725) geschrieben, einem Stückeschreiber der sowohl für Kabuki wie auch für das rivalisierende Puppentheater schrieb. In Sewamono, sind die Darsteller Kaufleute, Prostituierte, Ladenbesitzer, Feuerwehrleute - also ganz normale Durchschnittsbürger der japanischen Gesellschaft. Die Handlung dreht sich oft um einen Konflikt zwischen Giri, der Treue zur eigenen Familie oder Gruppe zu der man gehört und Ninjo, menschlichen Gefühlen wie zum Beispiel einer verbotenen Liebe, die zu einem dramatischen Ende führt.
Für männliche Rollen gibt es zwei klar unterschiedene Stile der Darstellung. Diese sind Aragoto, die "rauhe Art" und Wagoto, die "sanfte Art". Aragoto Darsteller sind die Superhelden, die man in Jidaimono sieht. Sie sind leicht an ihrem deutlichen Make-up zu erkennen, genannt Kumadori, das in Streifen von rot, schwarz und blau auf das Gesicht, die Arme und die Beine aufgemalt wird.
Ihre Stimmen sind mächtig und übertrieben und oft wie bellend. Ihre Perücken und Kostüme sind künstlich vergrössert und ausgepolstert um die körperliche Grösse der Erscheinung auf der Bühne noch zu verstärken. Der erste Aragoto Schauspieler war Ichikawa Danjuro I (1660-1704), der in Edo, dem alten Namen für Tokyo, lebte.
Wagoto Darsteller sind das genaue Gegenteil und werden oft von Onnagata Spezialisten gespielt. Sie sind zurückhaltend und sensibel in ihren Gefühlen. Eine besondere Kategorie von Sewamono handelt von Doppelselbstmorden. Und in diesen Stücken kommen wagoto am besten zur Geltung, da die Portraitierung von intensiven Gefühlen diesem Stil am besten entspricht. Wagoto wurde von Sakata Tojuro I (1647-1709) entwickelt und hat seine Wurzeln in dessen Heimat der Kamigata Region, der Gegend in der Kyoto and Osaka liegen.
Kabuki kann man in Tokyo ständig im Kabuki-za Theater und häufig auch im National Theater sehen. Kyoto und Osaka haben Ihre eigenen Theater und ausserdem einen etwas unterschiedlichen Stil, der als Kamigata bekannt und regionsspezifisch ist. Während in der Vergangenheit das Kabuki Theater von ganz gewöhnlichen Durchschnittsmenschen besucht wurde, zieht es heute mehr die intellekuelle Oberschicht an. Trotzdem ist seine Tradition, die sich über fast 400 Jahre erstreckt, weiterhin ungebrochen.
Paul Binnie,
Juni 2001
(frei übersetzt von Dieter Wanczura, redaktionell überarbeitet April 2009)
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