This article in English: Chinese Opera
Die chinesische Oper gehört zu den ältesten Formen des Musiktheaters weltweit. In ihrer Ausdehnung bisweilen auf über 100 Akte erfordert ihre originalgetreue Inszenierung über mehrere Tage hinweg einen enormen Aufwand.
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In ihrer Formulierung als Gesamtkunstwerk geht sie mit Elementen wie etwa Pantomime, Tanz oder Kampfkunst weit über die westliche Opernform hinaus. Die bedeutendste Variante der chinesischen Oper ist die Peking-Oper, deren Repertoire seit 1790 auf über 1300 Stücke angewachsen ist - von denen allerdings seit 1950 höchstens nur noch 100 gespielt werden.
Die Annäherung an die westliche Form seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie das Aufführungsverbot in der Kulturrevolution (nur acht Stücke fanden propagandistisch missbraucht Verwendung) liessen diese Kunstform nahezu in Vergessenheit geraten. Und es ist nicht zuletzt den Darstellungen auf traditionellen Druckgraphiken zu verdanken, dass sie nicht gänzlich aus dem Bewusstsein verschwand. Heute wird die chinesische Oper mühsam reanimiert.
Im Vergleich zu Musikdramen anderer Kulturen zeichnet sich die chinesische Oper durch einen grösseren Reichtum an Ausdrucksformen aus. Nicht nur Musik, Gesang und Schauspiel bestimmen das Geschehen auf der Bühne, sondern auch Masken, Kostüme, Pantomime, Tanz, Akrobatik, Kampfkunst und bisweilen auch ortsspezifische Traditionen. Sie dienen jedoch keinesfalls einer naturalistischen Erzählung, sondern übersetzen diese in eine komplexe Symbolsprache, ohne deren Kenntnis das mitverfolgen des Geschehens kaum möglich ist.
Die Symbolik durchzieht sich durch alle Elemente der chinesischen Oper und gewinnt aus ihrer Kombination sehr präzise Charakterisierungen. Schon die Gesichtsbemalung, Maske und Kleidung vermitteln eine Vielzahl von Aussagen bezüglich der Eigenschaften der dargestellten Figur. Gesten, Mimik, Bewegungen charakterisieren die Handlungsweise und die Beziehungen der dargestellten Figuren zueinander.
Und auch das sparsame Bühnenbild mit einem Tisch und zwei Stühlen bedient sich einer reichen Symbolik, die anstelle naturalistischer Darstellungen von Orten, Atmosphäre oder Handlungen tritt. Ein Stuhl am Bühneneingang drückt beispielsweise die Verlegung der Szene nach draußen aus, während eine Fahne mit Wellenmuster das Meer versinnbildlicht.
Eine zentrale Rolle spielt in der chinesischen Oper die Mimik und Gestik. Die schematisierten Reimverse umreissen nur grob das Geschehen, die Körpersprache dient indes zur Vertiefung der Inhalte. Dabei kommt ein beträchtlicher Teil des Ausdrucks den Augen zu, die differenzierter Eingesetzt werden als im indischen Tanz. Überaus wichtiges Hilfsmittel sind die so-genannten Wasserärmel - lange, weiße Seidenärmel -, die den symbolischen Ärmelgesten Grazie und Schönheit verleihen.

Die instrumentale Begleitung der Oper geschieht direkt auf der Bühne und mit einer äußerst sparsamen Besetzung. Die Hauptinstrumente sind die Suona und die Jinghu, denen sich weitere Saiteninstrumente hinzugesellen können, sowie diverses Schlagwerk. Das aussergewöhnliche Klangbild bestimmt der extrem hohe Kehlkopfton der Sänger, der mit einer mühsam über Jahre hinweg erlernten, zu Beginn durchaus gar blutigen Technik erzeugt wird.
Die Unterscheidung zwischen Arie und Rezitativ ist indes mit der westlichen Oper vergleichbar. Die Musik ist jedoch nicht eigens komponiert, sondern eine Zusammenstellung populärer Melodien, eingebettet in das vorherrschende Element der perkussiven Begleitung des Bühnengeschehens.
Die Entstehung der chinesischen Oper - als volksnaher Kunst - ist im achten Jahrhundert zu suchen. Kaiser Xuanzong (712-755) aus der Tang-Dynastie gründete den Birngarten, die früheste bekannte Operntruppe Chinas, die zum Vergnügen des kunstsinnigen Kaisers ausschließlich in dessen Palast auftrat. Thematisch gesehen ging es stets um allgemein bekannte Legenden und Mythen, die jedoch eine weitreichende Grundlage boten, soziale, politische und spirituelle Inhalte sinnbildlich darzustellen.
Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich dann diverse Varianten und lokale Abwandlungen des Musikdramas aus, wobei sich allmählich ein gewisser Kanon etablierte. So entstand bereits in der Yuan-Dynastie (1279-1368) das Zaju, eine Varieté-Form der Oper, die ein Grundschema der Figuren festlegte, die wiederum eine Vielzahl von wechselnden Rollen zu bewältigen haben: Dan (weiblich), Sheng (männlich), Chou (Clown) und später auch Jing (geschminkte Männerfigur).
Das Zaju überdauerte bis heute und ist als Kanton-Oper nicht selten. Während traditionell die Frauenrollen von Männern gespielt wurden, setzte sich im 20 Jahrhundert die Besetzung mit Frauen durch.
Höchstes Ansehen erlangte die Kunqu-Oper, die später als Urform der Peking-Oper weltweit bekannt werden sollte. Für Kunqu wurden ursprünglich viele große Werke der chinesischen Literatur verfasst. Dieses Musikdrama hatte sich aus einfachen Vorbildern im 14. Jahrhundert in Kunshan (südchinesische Provinz Jiangsu) entwickelt.
Die hohe Form des Kunqu ist schließlich den Reformen des 17. Jahrhunderts zu verdanken. Nachdem die Kunqu-Oper um 1930 nahezu gänzlich verschwand, geniesst sie heute als Weltkulturerbe den Schutz der UNESCO.
Die aus dem Kunqu hervorgegangene Peking-Oper entwickelte sich seit 1790 - nachdem sich Kaiser Qianlong ihrer angenommen hat - selbständig weiter und erlangte höchste Popularität in China, insbesondere in der Blütezeit der Gattung zwischen 1830 und 1960. Namen wie Mei Lanfang (1894-1961) und Cheng Yanqiu (1904-1958), für ihre Frauenrollen berühmt, werden bis heute verehrt wie etwa Callas oder Caruso im Westen.
Im Gegensatz zu lokalen Varianten der Oper wurde die Peking-Oper im ganzen Land gespielt, steht daher repräsentativ dafür, was man heute allgemein als chinesische Oper bezeichnet. Die Bandbreite der dargestellten Themen wurde auch breiter gestreut.
Die beliebteste Geschichte handelt dabei von einer unglücklichen Liebe einer Tochter aus reichem Hause zu einem armen Studenten, der es jedoch schafft, sich zum kaiserlichen Staatsdiener hoch zu arbeiten, damit ein glückliches Ende möglich wird. Nicht selten sind auch militärische Themen, die mit Tugenden wie Aufrichtigkeit und Mut auf dem Schlachtfeld die moralischen Botschaften dramatisch und emotional untermauern.

Seit der Etablierung der Republik 1911 hielten auch zeitgenössische Themen Einzug auf die Opernbühnen. Die Bühnenwerke spielten nicht mehr in höfischer Umgebung und wagten bisweilen eine Anlehnung an das westliche Theater, in dem weniger der Reichtum der Kostüme, als vielmehr die Atmosphäre des Szenario von inhaltlicher Bedeutung ist. Das höfische Genre verließ die Peking-Oper definitiv in der chinesischen Kulutrrevolution unter der gnadenlosen Federführung von Maos Frau Jiang Qing.
Die traditionelle Oper, als Ausdruck eines dekadenten, bourgeoisen China verteufelt, wurde bei strengster Bestrafung selbst im privaten Rahmen verboten. Zwar wurden Opern weiterhin gespielt, doch waren ihre Inhalte mit ideologischem Hintergrund gänzlich abgeändert. Der Typus der Vorbild-Oper (Model Opera) war entstanden.
Die Kulturrevolution reduzierte das Repertoire auf nur acht Stücke. Es gab keine höfischen Kostüme mehr, keine Symbole oder Masken. Gelehrte, Höflinge und Kurtisanen wichen einerseits den üblen Reaktionären und Kapitalisten, andererseits den revolutionären Heroen, die alle Tugenden des kommunistischen China in sich vereinten. In die Handlung eingebunden blieb indes die Akrobatik, die der Kraft strotzenden Siegerpose Nachdruck zu verleihen vermochte.
Einst große Künstler der Peking-Oper wurden indes in den Tod oder ins Elend getrieben. Berühmten Kostümmachern, die seit der Ch'ing-Dynastie in der stolzen Pekinger Strasse der Opernkostüme ihr Kunsthandwerk pflegten, erging es ähnlich. Das von Generation zu Generation weitergegebene Wissen und Können um alle mit der traditionellen Peking-Oper verbundenen Berufe droht auszusterben.
rp (Januar 2008)
überarbeitet von Dieter Wanczura, April 2009
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